Die NMIF und die Bahn. Eine leidige Geschichte.

oder

Die Deutsche Bahn AG – der natürliche Feind der NMIF

Seit 2018 findet in Jeber-Bergfrieden bekanntlich die Konzertreihe „Neue Musik im Fläming“, kurz: NMIF statt. Eine tolle Sache, auf dem Lande, mitten im Dorf eine internationale Konzertreihe zeitgenössischer Musik zu haben. Neben dem lokalen Publikum beleben Gäste und Künstler*innen aus allen Ecken Deutschlands und vielen europäischen Ländern die Region.

Nur muss man erst einmal hierher gelangen.

Beginnen wir mit der Anreise-Planung: Züge herauszufinden ist eine Kunst, die erfahrene Veranstalter für ihre Gäste gerne einbringen, denn sonst besteht das ernsthafte Risiko, dass die Leute nicht ankommen. Das ist kein Hindernis, aber doch eine zusätzliche Arbeitslast für den Veranstalter Dietrich Eichmann, der seit seiner Jugend leidenschaftlicher Bahnfahrer ist, nicht als Hobby, sondern, weil er als Musiker immer viel unterwegs und damals das Zugfahren einfach und preiswert war. Diese Zeiten haben sich bekanntlich geändert. Der Komfort in den Zügen sollte gewachsen sein, seit die Bahn investiert hat: Neue Züge, Viersterneköche, kostenloses Internet & pipapo, inzwischen eine Selbstverständlichkeit im internationalen Bahnverkehr, jedoch in Deutschland?

Also sprechen wir von heute:

2021, Jahr der Bahnstreiks. Beginn just an einem Donnerstag im August, als Musiker aus Belgien für ein Konzert am darauf folgenden Wochenende am neuen Hauptstadt-Flughafen Berlin-Brandenburg strandeten. Der deutsche Kollege aus Frankfurt/Main, ebenfalls mit der Bahn in Berlin gestrandet, kümmerte sich um die in Brüssel wohnenden spanischen und japanischen Kollegen, und wollte ein Auto mieten. Denkste. Der Mietwagen-Markt war leergefegt, zu haben nur noch Luxuslimousinen ab 200 Euro pro Tag. Ein Berliner Freund stellte schließlich den Zweitwagen zur Verfügung, auf den seine Frau für vier Tage verzichtete. So kamen alle gerade noch rechtzeitig.

Ein prominenter Schauspieler, der schlecht zu Fuß ist, will verständlicherweise den Weg mit dem Ersatzbus nicht auf sich nehmen. Selbstverständlich bieten die Veranstalter an, ihn mit dem Auto abzuholen.  Inzwischen ist Sonntag. Die Zeitplanung ist mehr als großzügig: Sechs Stunden vor Beginn der Veranstaltung, auf der der Schauspieler anspruchsvolle Literatur lesen wird, beginnt die Fahrt in Berlin, im Westen der Stadt, nahe der Autobahn gelegen, also kein blockierter Stadtverkehr zu erwarten. Man gelangt mühelos auf die AVUS, ab Hüttenweg beginnt es zu stocken, ab Potsdam ist Stop and Go. Um Belzig herum auch noch eine Baustelle auf der Autobahn, zwischen zwei Ausfahrten, also kein Entkommen über Land. Und kein Voran. Für zwei Stunden bei gleißender Mittagshitze eine Zumutung, nicht nur für den älteren Herrn. Selbstverständlich haben an diesem sonnigen Augustsonntag, der zum Ausflug lockt, alle ihr Auto genommen, es herrscht ja Streik der GdL. Der Veranstaltungsbeginn muss um eine Stunde verschoben werden. Schauspieler mit Fahrerin kommen gerade noch rechtzeitig. Wäre er nicht so erfahren und routiniert, er hätte den literarischen Texten kaum noch so viel Kraft und Beweglichkeit mitgeben können. Es gelingt eine berührende Lesung mit Musikprogramm, dem Bahnstreik zum Trotz.

Drei Wochen später. Die Bahn hatte den Streik zwischenzeitlich abgebrochen. Das nächste Konzert-Wochenende, der Streik wird ab dem Donnerstag zuvor wieder aufgenommen, diesmal angekündigt. Wieder wird ein Musiker aus Brüssel erwartet. Wollen wir’s wagen, fragte sich der Veranstalter, nochmals Odysseen mit noch ungewisserem Ausgang? Aus Brüssel kann man den Kollegen nicht mal einfach so mit dem Auto holen. Das Konzert wird gestrichen. Verschoben auf nächstes Jahr.

Das ist jetzt! Der zweite Konzertblock der Neuen Musik im Fläming 2022: „Recital with a Title“ und „Das Wesen des Klangs“ mit Gunnar Brandt-Sigurdsson aus Oldenburg (Gesang, Gitarre, Elektronik) und Johan Bossers (Klavier) aus Brüssel – siehe Kasten.

Zur zweiten Veranstaltung im September war eine Moderatorin aus Potsdam-Babelsberg bestellt. Liegt an der Strecke der Regionalbahn, also ganz einfach. Sie sagte begeistert zu. Kam an den Bahnhof Medienstadt, fuhr zwei Stationen, Ende der Bahn, ab heute Streckensperrung für mehrere Monate. Umstieg nach Wartezeit auf einen Ersatzbus. Schnelle Auffahrt, Autobahn. Ziel: Bad Belzig, dort wieder auf die Autobahn. Ziel: Dessau. Halt, rief die Moderatorin. Ich möchte nach Jeber-Bergfrieden. Ein kleines Dorf drei Regionalhaltepunkte weiter. Noch nie gehört, aber auch nicht verstanden hatte der Fahrer diesen Namen. Ein Navi befand sich nicht im ollen Bus. Also Handy raus und Google Maps befragen. So läßt sich fahren, immer das Handy im Blick, volle Fahrt voraus. Übers Land. Und was ist, fragte die Moderatorin, wenn in Wiesenburg jemand wartet, um nach Dessau zu fahren? Es sollte doch wohl jede Regionalbahn-Haltestelle angefahren werden. Doch woher soll ein schnell eingestellter Busfahrer, der die Region nicht kennt, wissen, welche Regionalbahn-Haltestellen sich auf der Strecke Berlin-Schönefeld – Dessau befinden? Von seinem Auftraggeber – wohl niemand anderes als die Deutsche Bahn AG – jedenfalls nicht. Die Moderatorin kam an, etwas zerzaust; der Fahrstil des Neu-Busfahrers war ihr doch etwas zu rasant. 

Zwei Gäste, die östlich Berlins auf die Autobahn aufgefahren waren, stehen ab dem Südring im Stau. Sie geben nach vier Staustunden auf, denn nach offizieller Programmplanung hatte die Veranstaltung längst begonnen. Dass der Beginn um eine Stunde verlegt wurden, interessierte sie nicht mehr; denn der Rückweg – ja, der dauerte nochmals so lang.

Eine Frau aus Hamburg hatte vor einigen Jahren ihr Auto abgeschafft. Denn Hamburg ist ja so gut angebunden. Nachhaltig leben, die Regionalbahn nutzen, ebenfalls wie die Fernstrecken stets mit der Bahn. Mit einer Freundin setzt sie sich in den Zug. Im Internet hatte die Reiseplanung verlockend ausgesehen: Zug bis Babelsberg, dann Bus. Der Bus fährt und fährt. Kein Ausstieg Jeber-Bergfrieden, der Ort wird nicht einmal gestreift. Sie landen in Coswig, 20 km entfernt, und nach Dessau ist’s auch so weit. Ein Anschlussbus über die Dörfer fahre in drei Stunden. Da ist das Konzert vorbei. Sie entscheiden sich für den einzigen Bus, der kommt: Er fährt nach Wittenberg. So wird aus dem Konzertsonntag ein Besuch in der Lutherstadt, seit kurzem auch ICE Bahnhof. Nach Hause kamen sie also.

Die Saison 2022 begann sofort im gleichen Stil. Dies Jahr drei Veranstaltungsorte, der erste Konzertblock führt die Musiker am Donnerstag ins Simonetti Haus Coswig, am Freitag ins Mausoleum Dessau, am Samstag nach Jeber-Bergfrieden. Donnerstag Anruf eine Stunde vor Konzertbeginn: vier Gäste aus Leipzig haben erfahren, dass sie in Wittenberg keinen Anschlusszug bekommen. Unsere Fahrerin setzt sich wieder mal ins Auto und chauffiert das Publikum. Freitag Unwetterwarnung. Ein Dutzend Gäste schickt Nachrichten, dass sie wegen Zugstreichungen nicht nach Dessau kommen können.

Am Samstag, drittes Konzert und Gründung des Fördervereins der NMIF, Anruf eines Mitgründers: Zug endet wegen Maschinenschaden in Bad Belzig. Reisenden Richtung Dessau wird empfohlen, den „Anschlusszug“ zwei Stunden später zu nehmen. Keine Zeit mehr, zwei Mal 30 Minuten nach Bad Belzig und zurück zu fahren, um den Gast einzusammeln. Dieser entscheidet sich, mit anderen Gestrandeten ein Taxi zu teilen. Illustre Mitfahrer: Ein Opernsänger, der abends am Anhaltischen Theater Dessau auftritt, eine Harfenistin aus dem Orchester …

Sie kommen mehr als pünktlich. Im Sammeltaxi, das, selbst organisiert, preiswert ist. Von der Bahn wird nichts ersetzt.

Nun steht der zweite Konzertblock an. Johan ist gestern aus Brüssel in Jeber-Bergfrieden eingetroffen – mit der Bahn! Gunnar muss Instrumente transportieren und hat gleich das Auto genommen. Beide sind also wohlbehalten hier. Wir werden ein wunderbares Konzertwochenende haben. Nur: Wird danach die Deutsche Bahn Johan sicher und pünktlich zurück nach Brüssel bringen?

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