WORTE, DIE AUF VOKALE WARTEN – Ilse Aichinger 100

NMIF Programmschwerpunkt SPRACHE / FORM / MUSIK
13. bis 15. August 2021
kuratiert von CHRISTINE NAGEL

Ilse Aichinger, geboren am 1.11.1921 in Wien, gestorben am 11.11.2016 ebenda, ist ein Zentralgestirn der deutschen Nachkriegsliteratur.

Die Existenz und das Schreiben der Schriftstellerin Ilse Aichinger waren geprägt von der Verfolgung und Ermordung der Angehörigen im Holocaust. Ihre Poetik des Schweigens ist ihre Konsequenz aus der Ablehnung jeder Form von Konformismus:
Gegen die sehr häufige Meinung des ‚So ist es eben‘, die, was sie vorfindet, fraglos akzeptiert. Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden.“
Ich würde an der Welt überhaupt alles ändern. Man könnte auch vielleicht sagen, ich möchte noch präzisere Absurditäten erfinden. Wenn überhaupt. Aber man könnte auch drei Augen haben, und jeder würde es für so selbstverständlich finden wie jetzt, und es würden auch genügend wissenschaftliche Erklärungen dafür da sein, dass drei Augen absolut notwendig sind, wegen irgendeinem Stereo-Gefühl oder so was.
Ilse Aichinger 1996


Freitag 13. August
Eintritt 15€ / erm. 10€
ab 18 Uhr Café im Garten

19 Uhr
Lesung THOMAS WILD

„ununterbrochen mit niemandem reden – Lektüren mit Ilse Aichinger“ (Neuerscheinung am 29.9.21 im S.Fischer Verlag)
Anschließend Gespräch, moderiert von der Literaturwissenschaftlerin SIMONE FÄSSLER.
„Orte sind Ausgangspunkte“: Thomas Wild hat keine Biographie geschrieben. Was er macht, ist viel einfacher und schöner: Er liest. Sein Essay lädt zur Neuentdeckung Ilse Aichingers ein.

ca. 20:00 Uhr Imbiss

21:00 Uhr
WO ICH WOHNE – Ein Film für Ilse Aichinger

Spiel- und Dokumantarfilm von CHRISTINE NAGEL
Österreich 2014, 81 Minuten

Protagonisten: Ilse Aichinger, Helga Michie
Darsteller: Verena Lercher, David Monteiro, Elfriede Irrall, Florentin Groll, Moritz Uhl
Kamera: Isabelle Casez, Helmut Wimmer
Schnitt: Niki Mossböck
Ton: Bruno Pisek
Tonmischung: Christofer Frank / Soundtrack Vienna
Musik: Gerd Bessler
Ausstattung: Katrin Huber, Gerhard Dohr
Licht: Bernhard Rybar
Produktionsleitung: Andrea Minauf
Produzent: kurtmayerfim Wien
Buch und Regie: Christine Nagel

Das Stille, Beobachtende und Absurde macht das Geheimnis von Ilse Aichingers Poesie aus, das die Filmbilder von WO ICH WOHNE bewahren. Der Film verführt auf sinnliche Weise, sich auf das Werk von Ilse Aichinger einzulassen, welches in seiner Einzigartigkeit für das 20. Jahrhundert steht und zugleich in seiner existentiellen Dimension zeitlos ist.
Ilse Aichinger: „Vielleicht erkennen wir einander nur richtig in einem Licht von Abschied.“ In dieses Licht taucht der Film in seinen besten Momenten eine große Autorin des 20. Jahrhunderts. derStandard.at


Samstag 14. August
Eintritt 25€ / erm. 18€
ab 17 Uhr Café im Garten

18 Uhr
Buchvorstellung und Lesung mit RETO ZIEGLER & FRANZ HAMMERBACHER, Verleger (Edition Korrespondenzen, Wien) und SIMONE FÄSSLER, Herausgeberin

Vorgestellt werden der Briefwechsel der Zwillingsschwestern Helga und Ilse Aichinger: „Ich schreib für dich und jedes Wort aus Liebe“. Herausgegeben, kommentiert und mit einem ausführlichen Nachwort versehen von Nikola Herweg. Mit Zeichnungen der Malerin und Grafikerin Helga Michie.
Die Herausgeberin Simone Fässler führt in die Radio-Essays von Ilse Aichinger: „Die Frühvollendeten“ ein. Aichinger schrieb über Schriftsteller, die jung gestorben sind, u.a. Georg Trakl, Alain Fournier, Felix Hartlaub, Wolfgang Borchert, die Geschwister Scholl. Zudem über Adalbert Stifter.

ca. 20 Uhr Abendessen

21 Uhr
Konzertinstallation ENDE DES UNGESCHRIEBENEN (UA)

TOMONORI TAKEDA – Klarinette
DIETRICH EICHMANN – Komposition
ALEXEJ & ALEŠ VANCL – Bühne
ANNETT ILIJEW – Schnitt
CHRISTINE NAGEL – Idee, Konzeption, Regie

Die Komposition von Dietrich Eichmann, gespielt und verkörpert in dem Klarinettisten Tomonori Takeda, nimmt den Gedanken eines Gedichtes von Ilse Aichinger auf: „Ende des Ungeschriebenen“. Zeit und Erinnerung werden vermessen, wie sie im Werk der Schriftstellerin Ilse Aichinger enthalten sind.

So wird niemand wissen
von unseren Atemstößen
als wir über die Brücke liefen,
und was hinter uns liegt,
erfahren sie nicht:
Die schwachen Namenszüge,
die geköpften Sonnen.
Die Vorhallen der Spitäler
sind still.

Ilse Aichinger: Ende des Ungeschriebenen. In: Verschenkter Rat. Gedichte. Fischer Verlag 1991

ab ca. 21:30 Uhr
HOF-LOUNGE für Ilse Aichinger

mit ANDREAS RASEGHI aka DJ Le Candy


Sonntag 15. August
Eintritt 25€ / erm. 18€
ab 15 Uhr Café im Garten

16 Uhr
ARE THOSE GUN SHOTS? – WANN HAT SICH EINE FORM ERÜBRIGT?

Einführungsvortrag von SUGI SHINDO, Literaturwissenschaftlerin (Nihon Universität, Tokio)

Podiumsgespräch mit SUGI SHINDO, JOHAN BOSSERS, Pianist (Brüssel) und MARIE-LUISE KNOTT, Autorin und Publizistin (Berlin)

17:30 Uhr
Konzert RANILLA, OYA, TAKEDA

Alban Berg: Vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 (1913)
Anton Webern: Vier Stücke für Geige und Klavier op. 7 (1910)
Dietrich Eichmann: Stinkfinger-Joe the Mass Murderer Meets Leather-Lilly in Hong Kong’s Morning Twilight (1994)
Anton Webern Quartett op. 22 (1928-30)

HUGO RANILLA – Violine
TOMONORI TAKEDA – Klarinette
YUTAKA OYA – Klavier
als Gast: TOBIAS RÜGER – Tenorsaxophon
GERD WAMELING liest aus den Werken Ilse Aichingers

Ilse Aichingers persönliche Nähe zu dem musikalischen Werk von Anton Webern scheint mit ihrer zunehmend verknappten Sprache, die bis zum Verstummen geht, zu korrespondieren. Sie hat in allen Textgattungen geschrieben. In ihrem Schreiben hat sie die Spielregeln ausgelotet, die eine Form vorgeben – bis es scheint, als ob die jeweilige Gattung sich für sie persönlich überholt hatte. Dieser These soll im Rahmen der Aichingertage auf vielfältige Weise begegnet werden.
„Are those gun shots?“ fragte der kürzlich verstorbene Komponist Frederic Rzewski nach der Uraufführung von Stinkfinger-Joe im Jahr 1994 den Komponisten Dietrich Eichmann. „No, it’s just smash open and shut the piano lid.” In Stinkfinger-Joe the Mass Murderer Meets Leather-Lilly in Hong Kong’s Morning Twilight entsteht aus der Überlagerung, dem Nebeneinander und der Simultaneität verschiedener Kommunikations- und Assoziationsebenen eine musikalischen Form, die keine Vorgegebene ist, sondern für sich besteht, ohne eine Gattung bilden zu wollen.
Der Pianist und Podiumsgast Johan Bossers wird darüber sprechen, warum für Beethoven die Sonatenform ausgereizt war. In Anton Weberns Werk kann eine Sonatenform in zwei Klängen dargestellt sein, verschwindet durch sich selbst. Dies führt zum Werk von John Cage, in dessen Stück 4`33 kein Klang mehr produziert wird. Der Klang, der ohnehin da ist, wird zur Musik. Das, was sonst nicht wahrgenommen würde, ist der Inhalt.
Die Autorin Marie Luise Knott wird für die Podiumsveranstaltung Ilse Aichingers Sprache unter dem Aspekt der Verknappung untersuchen. (Frau Knott ist Mitherausgeberin der deutschen Übersetzung von Texten von John Cage Empty Mind).
Die Literaturwissenschaftlerin Sugi Shindo wird die Form-Fragen im Werk von Ilse Aichinger in einem einführenden Essay ausführen und das musikalische Umfeld in der Familie Aichinger skizzieren.
Das Podiumsgespräch und das Konzert am Sonntag (15.8.) schlagen somit einen Bogen zurück zum Beginn der Aichingertage:
Den Auftakt wird am Freitag (13.8.) die aktuelle Publikation über Ilse Aichinger von Thomas Wild bilden; sie verweigert die Form einer klassischen Biografie. Der Film „WO ICH WOHNE“ von Christine Nagel folgt keiner klassischen Filmdramaturgie. Die Materialien werden in ihrer Kombinatorik selbst-sprechend: Aus der Verschränkung der verschiedensten Spiel-Ebenen und Archivmaterialien entsteht eine Bild-Ton-Komposition von ganz eigenem Rhythmus. Die Zusammenhänge stellen sich im Auge und Ohr des Betrachters her.

Die Veranstaltung wird unterstützt vom Landkreis Wittenberg, den Stadtwerken Wittenberg und der S.Fischer Stiftung.
Den Büchertisch stellt die THALIA-Buchhandlung Dessau.


Das Land Sachsen-Anhalt und das Programm „Landmusik“ des Deutschen Musikrats unterstützen den Musik-Teil am 14. und 15.8.

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